{"id":136,"date":"2018-11-26T11:41:20","date_gmt":"2018-11-26T10:41:20","guid":{"rendered":"https:\/\/canditten.de\/?page_id=136"},"modified":"2025-12-12T18:23:32","modified_gmt":"2025-12-12T17:23:32","slug":"erlebnisberichte","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/canditten.de\/?page_id=136","title":{"rendered":"Erlebnisberichte"},"content":{"rendered":"\n<p>Auf dieser Seite werden Berichte von Canditter Landsleuten und Landsleuten aus den umliegenden Ortschaften gebracht. Es sind Begebenheiten aus der Kindheit und Jugendzeit in der Heimat, aber auch aus der Zeit danach.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Berichte werden in lockerer Folge gezeigt und in gewissen zeitlichen Abst\u00e4nden ausgetauscht. Hier nun einige Textbeitr\u00e4ge:<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading has-text-align-left\"><strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#f21818\" class=\"has-inline-color\">Liebnicken, Kreis Preu\u00dfisch Eylau<\/mark><\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Von Erich Pelikan aus &#8222;Ostpreussens&nbsp; Rinder und ihre Zuchtst\u00e4tten&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Liebnicken ist zur Zeit des Ritterordens den Ordensbr\u00fcdern Raffael und Nickel verliehen worden mit der Auflage, \u201edie 32 w\u00fcste Huben&#8220; von Sangnitten zu besiedeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Liebnicken liegt 150 m \u00fcber NN im Stablackgebiet am Fu\u00dfe des Hasenberges, ist systematisch dr\u00e4niert und hat schwersten Weizenboden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kaufte im Herbst 1919 bei der Parzellierung die Hofstelle mit 212 ha landwirtschaftlicher Nutzfl\u00e4che, davon 25 ha beste Wiesen, 4 ha Holzungen, der Rest Weiden und Ackerland. Lebendes Inventar waren damals: 23 K\u00fche, 42 Sauen, 24 r\u00e4udige Gespannpferde und etwas Jungvieh. Kaufpreis 70.000,- Mark.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 15. Februar 1945, als der Armeebefehl zum R\u00e4umen kam, blieben zur\u00fcck: 62 Herdbuchk\u00fche (mit rund 4200 Liter Milch Herdendurchschnitt), 40 ein- und zweij\u00e4hrige Sterken, 16 Jungbullen, 1 Zuchtbulle und eine Anzahl K\u00e4lber, 10 Edelschweinstammsauen (Stammzucht gegr\u00fcndet 1872), ca. 50 Jungeber und Jungsauen, 24 Gespannpferde (davon 12 Mutterstuten) und zwei Jahrg\u00e4nge Kaltblutfohlen. Wo das ganze Inventar geblieben ist, wei\u00df ich nicht. Als ich in der letzten Nacht vom Hofe ritt, lag das ganze Vieh drau\u00dfen im Schnee und in den Stallungen war Milit\u00e4r.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war das Ende einer 700-j\u00e4hrigen Kulturperiode-und der Arbeit vieler Generationen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"350\" height=\"238\" src=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/12c895fc8e.jpg\" alt=\"Wohnhaus von Erich Pelikan in Liebnicken 1930 (existiert nicht mehr)\" class=\"wp-image-137\" title=\"Wohnhaus von Erich Pelikan in Liebnicken 1930 (existiert nicht mehr)\" srcset=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/12c895fc8e.jpg 350w, https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/12c895fc8e-300x204.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Wohnhaus von Erich Pelikan in Liebnicken 1930 (existiert nicht mehr)\n<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#f41c1c\" class=\"has-inline-color\">Meine Fluchterlebnisse<\/mark><\/strong> (von Christel Stoltenberg)<\/h2>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">&nbsp;<br><strong>I. Teil<\/strong><br>Es war der 02. Februar 1945 abends. Wir sahen von unserem Hof her die vielen Fahrzeuge durch Canditten ziehen, alle westw\u00e4rts und alle auf der Flucht oder auf dem R\u00fcckzug. Zu der Zeit arbeitete ein Pole bei uns, der uns geraten hatte, uns so schnell wie m\u00f6glich auf die Flucht zu begeben.<br>&nbsp;<br>Mein Vater Fritz Lehmann (* 04. 02. 1895, \u2020 13. 10. 1971) war kurz zuvor noch eingezogen worden und zusammen mit Max Hoffmann, ebenfalls Bauer in Canditten, als Aufseher f\u00fcr die franz\u00f6sischen Kriegsgefangenen eingesetzt.<br>&nbsp;<br>So sind denn an diesem Abend des 02. Februar 1945 meine Mutter Elise Lehmann, meine Schwester Edith Lehmann, mein Bruder Erich Lehmann (* 20. 04. 1924, \u2020 25. 03. 1946) und ich mit der Nachbarfamilie Kohn sp\u00e4t abends mit einem vollgepackten Pferdewagen \u00fcber deren Hof zur Hauptstra\u00dfe in Richtung Klein Steegen und Lichtenfeld auf die Flucht in Richtung Heilgenbeil gegangen.<\/h4>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"564\" src=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-mit-Hof-Fritz-Lehmann-D-1024x564.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1708\" style=\"aspect-ratio:1.8156321581531767;width:563px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-mit-Hof-Fritz-Lehmann-D-1024x564.jpg 1024w, https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-mit-Hof-Fritz-Lehmann-D-300x165.jpg 300w, https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-mit-Hof-Fritz-Lehmann-D-768x423.jpg 768w, https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-mit-Hof-Fritz-Lehmann-D-1536x845.jpg 1536w, https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-mit-Hof-Fritz-Lehmann-D-2048x1127.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Die Flucht begann vom Hof des Bauern Fritz Lehmann (roter Pfeil) auf der von<\/em><br><em>Milit\u00e4r und Fl\u00fcchtlingswagen \u00fcberf\u00fcllten Hauptstra\u00dfe von Canditten (blaue Pfeile)<\/em><br><em>(Kartenausschnitt vom Westteil Candittens aus Google Earth)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfe war voll von Wehrmachtsfahrzeugen und zahllosen Treck-Fuhrwerken der Fl\u00fcchtenden. Da wir mit den Fuhrwerken quasi von der Seite kamen, wollte man uns nicht auf die Stra\u00dfe lassen. Aber schlie\u00dflich gelang es doch, uns in die endlose Schlange des Trecks einzureihen.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesen Abend erinnere ich mich noch gut. Der Nachthimmel n\u00f6rdlich von uns war feuerrot. Es hie\u00df \u201eK\u00f6nigsberg brennt\u201c. Eine aus Neidenburg stammende und bei uns einquartierte Familie nahmen wir auf unserem Pferdewagen mit auf die Flucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch in derselben Nacht, also vom 02. 02. auf den 03. 02. 1945, sind wir hinter Heiligenbeil auf das Frische Haff gegangen. Nach etwa anderthalb Stunden Fahrt auf dem gef\u00e4hrlichen Eis ist unser Wagen im Eis eingebrochen. Eines der Pferde paddelte bereits hilflos im Wasser, das andere wurde schnell ausgespannt. Wir alle sind voller Schreck und mit letzter Kraft vom Pferdewagen gestiegen, da versank der Wagen bereits im aufgebrochenen Eisloch ins kalte Wasser und mit diesem unser ganzes mitgenommenes Hab und Gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Die mitgenommenen 3 Personen aus Neidenburg nahmen jetzt ihren eigenen Weg. Wir sahen sie nie wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Gl\u00fcck fuhr hinter uns die Nachbarfamilie Kohn aus Canditten mit Grete, Gottfried und Hildegard Kohn. Wir schlossen uns mitsamt dem geretteten Pferd und dem Polen, der bei uns gearbeitet hatte, an und marschierten m\u00fchsam auf dem Eis zusammen weiter, immer der Frischen Nehrung entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am anderen Morgen erreichten wir endlich die Frische Nehrung bei Kahlberg. Es war sonniges Wetter, aber wir hatten keine Zeit zum Ausruhen, denn es ging auf diesem Landstrich immer weiter gen Westen, Tag f\u00fcr Tag und Kilometer f\u00fcr Kilometer, an Danzig vorbei und immer weiter in Richtung Pommern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann mich an die Namen der vielen angefahrenen Ortschaften nicht mehr erinnern, durch die wir gezogen sind. Mal hatten wir in Schulen \u00fcbernachtet, mal in leeren Gutsh\u00e4usern und manchmal auch unter freiem Himmel, und das bei der klirrenden K\u00e4lte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Wagen der Familie Kohn hatten wir uns abwechselnd ein wenig ausgeruht, denn der tagelange Fu\u00dfmarsch war f\u00fcr uns alle sehr anstrengend.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder wurde unser Treck von feindlichen Tieffliegern angegriffen, deren Bordkanonen auf uns schossen und uns in Todesangst versetzten. Das war grausam f\u00fcr uns alle. Aber unsere Familie hatte Gl\u00fcck und wir \u00fcberstanden diese Angriffe unversehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages, es muss zwischen Danzig und Hinterpommern gewesen sein, wurde unser Canditter Nachbar Gottfried Kohn von unserem kleinen Treck abgeholt. Er sollte zum Volkssturm einberufen werden. Wir haben ihn nie wieder gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Mal hatten wir Gl\u00fcck, als wir mit der F\u00e4hre \u00fcber die Weichsel mussten und nach uns die F\u00e4hre auf eine Mine gefahren war.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwo in Hinterpommern hatte sich unser Pole von uns abgesetzt. Er ging jetzt seinen eigenen Weg. Auch ihn haben wir nie wieder gesehen. Aber ich muss sagen, er war immer sehr korrekt und f\u00fcrsorglich zu uns gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir bei Frankfurt\/Oder \u00fcber die Oderbr\u00fccke fuhren, war gerade heftiges Schneetreiben, so dass die Tiefflieger nichts ausrichten konnten. Kurze Zeit danach, so hie\u00df es, sei die Oderbr\u00fccke gesprengt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir marschierten immer weiter in Richtung Westen, an Schwerin vorbei und weiter \u00fcber Grevesm\u00fchlen, Rehna und Sch\u00f6nberg (alle im westlichen Mecklenburg), bis wir am 16. M\u00e4rz 1945 sp\u00e4t abends in dem Dorf Ziethen landeten, das damals noch zu Mecklenburg geh\u00f6rte und an Schleswig-Holstein grenzte. Hier bekamen wir eine wunderbare Mahlzeit und hier war unser langer Fluchtweg mit den t\u00e4glichen \u00c4ngsten, Strapazen und dem unmenschlichen Chaos beendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen war unsere Nachbarin Hildegard Kohn wegen einer Verwundung durch die Tiefflieger in ein Krankenhaus bei Dechau\/Mecklenburg gekommen, um dort behandelt zu werden. Jetzt war nur noch Grete Kohn von der Nachbarfamilie alleine mit uns. Weil wir kein Fahrzeug hatten, nur das Pferd, durfte unsere Familie bleiben, aber Frau Kohn musste weiterfahren. So trennten sich unsere Wege.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">Die Stra\u00dfe war voll von Wehrmachtsfahrzeugen und zahllosen Treck-Fuhrwerken der Fl\u00fcchtenden. Da wir mit den Fuhrwerken quasi von der Seite kamen, wollte man uns nicht auf die Stra\u00dfe lassen. Aber schlie\u00dflich gelang es doch, uns in die endlose Schlange des Trecks einzureihen.<br><br>An diesen Abend erinnere ich mich noch gut. Der Nachthimmel n\u00f6rdlich von uns war feuerrot. Es hie\u00df \u201eK\u00f6nigsberg brennt\u201c. Eine aus Neidenburg stammende und bei uns einquartierte Familie nahmen wir auf unserem Pferdewagen mit auf die Flucht.<br>&nbsp;<br>Noch in derselben Nacht, also vom 02. 02. auf den 03. 02. 1945, sind wir hinter Heiligenbeil auf das Frische Haff gegangen. Nach etwa anderthalb Stunden Fahrt auf dem gef\u00e4hrlichen Eis ist unser Wagen im Eis eingebrochen. Eines der Pferde paddelte bereits hilflos im Wasser, das andere wurde schnell ausgespannt. Wir alle sind voller Schreck und mit letzter Kraft vom Pferdewagen gestiegen, da versank der Wagen bereits im aufgebrochenen Eisloch ins kalte Wasser und mit diesem unser ganzes mitgenommenes Hab und Gut.<br>&nbsp;<br>Die mitgenommenen 3 Personen aus Neidenburg nahmen jetzt ihren eigenen Weg. Wir sahen sie nie wieder.<br>&nbsp;<br>Zum Gl\u00fcck fuhr hinter uns die Nachbarfamilie Kohn aus Canditten mit Grete, Gottfried und Hildegard Kohn. Wir schlossen uns mitsamt dem geretteten Pferd und dem Polen, der bei uns gearbeitet hatte, an und marschierten m\u00fchsam auf dem Eis zusammen weiter, immer der Frischen Nehrung entgegen.<br>&nbsp;<br>Am anderen Morgen erreichten wir endlich die Frische Nehrung bei Kahlberg. Es war sonniges Wetter, aber wir hatten keine Zeit zum Ausruhen, denn es ging auf diesem Landstrich immer weiter gen Westen, Tag f\u00fcr Tag und Kilometer f\u00fcr Kilometer, an Danzig vorbei und immer weiter in Richtung Pommern.<br>&nbsp;<br>Ich kann mich an die Namen der vielen angefahrenen Ortschaften nicht mehr erinnern, durch die wir gezogen sind. Mal hatten wir in Schulen \u00fcbernachtet, mal in leeren Gutsh\u00e4usern und manchmal auch unter freiem Himmel, und das bei der klirrenden K\u00e4lte.<br>&nbsp;<br>Auf dem Wagen der Familie Kohn hatten wir uns abwechselnd ein wenig ausgeruht, denn der tagelange Fu\u00dfmarsch war f\u00fcr uns alle sehr anstrengend.<br>&nbsp;<br>Immer wieder wurde unser Treck von feindlichen Tieffliegern angegriffen, deren Bordkanonen auf uns schossen und uns in Todesangst versetzten. Das war grausam f\u00fcr uns alle. Aber unsere Familie hatte Gl\u00fcck und wir \u00fcberstanden diese Angriffe unversehrt.<br>&nbsp;<br>Eines Tages, es muss zwischen Danzig und Hinterpommern gewesen sein, wurde unser Canditter Nachbar Gottfried Kohn von unserem kleinen Treck abgeholt. Er sollte zum Volkssturm einberufen werden. Wir haben ihn nie wieder gesehen.<br>&nbsp;<br>Ein weiteres Mal hatten wir Gl\u00fcck, als wir mit der F\u00e4hre \u00fcber die Weichsel mussten und nach uns die F\u00e4hre auf eine Mine gefahren war.<br>&nbsp;<br>Irgendwo in Hinterpommern hatte sich unser Pole von uns abgesetzt. Er ging jetzt seinen eigenen Weg. Auch ihn haben wir nie wieder gesehen. Aber ich muss sagen, er war immer sehr korrekt und f\u00fcrsorglich zu uns gewesen.<br><br>Als wir bei Frankfurt\/Oder \u00fcber die Oderbr\u00fccke fuhren, war gerade heftiges Schneetreiben, so dass die Tiefflieger nichts ausrichten konnten. Kurze Zeit danach, so hie\u00df es, sei die Oderbr\u00fccke gesprengt worden.<br>Wir marschierten immer weiter in Richtung Westen, an Schwerin vorbei und weiter \u00fcber Grevesm\u00fchlen, Rehna und Sch\u00f6nberg (alle im westlichen Mecklenburg), bis wir am 16. M\u00e4rz 1945 sp\u00e4t abends in dem Dorf Ziethen landeten, das damals noch zu Mecklenburg geh\u00f6rte und an Schleswig-Holstein grenzte. Hier bekamen wir eine wunderbare Mahlzeit und hier war unser langer Fluchtweg mit den t\u00e4glichen \u00c4ngsten, Strapazen und dem unmenschlichen Chaos beendet.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"644\" height=\"643\" src=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-Lehmann-Edith-Christel-im-Garten-von-Genz-1944-Stoltenberg-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1712\" style=\"width:404px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-Lehmann-Edith-Christel-im-Garten-von-Genz-1944-Stoltenberg-1.jpg 644w, https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-Lehmann-Edith-Christel-im-Garten-von-Genz-1944-Stoltenberg-1-300x300.jpg 300w, https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-Lehmann-Edith-Christel-im-Garten-von-Genz-1944-Stoltenberg-1-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 644px) 100vw, 644px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em><u>Ein Foto aus besseren Tagen:<\/u><\/em> <br><em>Edith Lehmann (links) und ihre Schwester Christel (die Autorin dieses Berichtes)<\/em><br><em>im Sommer 1944 im Garten von Stellmachermeister Hermann Genz in Canditten<\/em> <em>(Foto Christel Stoltenberg)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Inzwischen war unsere Nachbarin Hildegard Kohn wegen einer Verwundung durch die Tiefflieger in ein Krankenhaus bei Dechau\/Mecklenburg gekommen, um dort behandelt zu werden. Jetzt war nur noch Grete Kohn von der Nachbarfamilie alleine mit uns. Weil wir kein Fahrzeug hatten, nur das Pferd, durfte unsere Familie bleiben, aber Frau Kohn musste weiterfahren. So trennten sich unsere Wege. <br>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>Am 08. Mai 1945 erlebten wir die Kapitulation in Ziethen\/Mecklenburg, das von den Engl\u00e4ndern besetzt war. Kurze Zeit sp\u00e4ter war das Dorf 3 Monate lang von den Russen besetzt. Aber dank des Austausches einiger D\u00f6rfer zwischen Engl\u00e4ndern und Russen kam das Dorf Ziethen zu Schleswig-Holstein.<br>&nbsp;<br>Im Nachhinein betrachtet, hatte unsere Familie trotz des ganzen Ungl\u00fccks der Flucht irgendwie immer Gl\u00fcck. Wir \u00fcberstanden den Einbruch im Eis des Haffes, die vielen Tieffliegerangriffe, die riskanten \u00dcberquerungen der Weichsel und der Oder und wurden verschont von der sowjetischen Besatzungsmacht, denn wir lebten jetzt in der britischen Besatzungszone.<br>&nbsp;<br><strong>II. Teil<\/strong><br>Mein Vater Fritz Lehmann war im September 1945 aus sowjetischer Gefangenschaft nach Canditten entlassen worden und verbrachte die folgenden 2 Jahre unter schweren Bedingungen in seiner Heimat.<br>&nbsp;<br>Auf seinem Hof in Canditten im September 1945 angekommen, war dort bereits die Familie Ku\u0107ko aus Litauen und hatte den Hof belegt. Eine jetzt noch lebende Frau dieser litauischen Polenfamilie, es ist die Uroma der jetzt dort wohnenden jungen Leute, kann sich noch an meinen Vater erinnern.&nbsp;<br><br>Mein Vater hatte zun\u00e4chst auf seinem eigenen Hof in Canditten gewohnt, jedoch musste er kurze Zeit danach bei den Polen in Gro\u00df Steegen arbeiten und sp\u00e4ter bei einem polnischen Polizisten in Landsberg. <br><br>In Guttenfeld lebte noch seine Schwester Erna Lemke, geborene Lehmann, und seine Schw\u00e4gerin Elsbeth Lehmann (Frau seines Bruders Paul Lehmann) mit 2 Kindern und ihrer Mutter. Alle hielten Kontakt zueinander, was ihnen Halt und Hoffnung gab.<br>&nbsp;<br>Am 13. 08. 1947 wurde mein Vater durch die polnische Repatriierungsbeh\u00f6rde Heilsberg ausgewiesen und damit aus seiner Heimat vertrieben. Nach seiner Ankunft im Westen suchte er seine Familie und seine anderen Geschwister. Bislang hatte er noch kein Lebenszeichen von ihnen. Aber durch intensives Suchen fand er endlich seinen Bruder Hugo Lehmann, der in Hamburg eine Bleibe gefunden hatte und Kontaktadresse f\u00fcr alle Lehmann-Geschwister.<br>&nbsp;<br>Bei diesem Bruder Hugo Lehmann meldeten sich mein Vater Fritz Lehmann und die \u00fcbrigen Geschwister. Auf diese Weise organisierte der Bruder Hugo Lehmann, der f\u00fcr uns alle Kontaktadresse war, die Zusammenf\u00fchrung aller 8 Geschwister und deren Familien.<br>&nbsp;<br>So fand mein Vater dann auch seine eigene Familie. Er kam dann im September 1947 zu uns nach Ziethen. Endlich war unsere Familie wieder zusammen!<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"1004\" src=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-Lehmann-Elise-50-J-Fritz-55-J-02.04.1950-eltern-von-christel-Stoltenberg.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1716\" style=\"aspect-ratio:0.6374502230504897;width:281px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-Lehmann-Elise-50-J-Fritz-55-J-02.04.1950-eltern-von-christel-Stoltenberg.jpg 640w, https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-Lehmann-Elise-50-J-Fritz-55-J-02.04.1950-eltern-von-christel-Stoltenberg-191x300.jpg 191w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">&nbsp;<em><u>Nach dem Krieg wieder vereint:<\/u><\/em><br><em>Der Bauer Fritz Lehmann aus Canditten mit Ehefrau Elisa im April 1950<\/em><br><em>(Foto Christel Stoltenberg)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>III. Teil<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahre 1978 bin ich mit einer Busreise, die eine Reisefirma aus Reinbek organisiert hatte, das erste Mal nach der Flucht in Canditten gewesen. Leider durften wir damals nicht aussteigen. So standen wir mit dem Bus vor dem Westfriedhof (jetzt Ehrenfriedhof) und konnten unseren Hof nur von Weitem sehen und fotografieren.<br>&nbsp;<br>Ein Jahr sp\u00e4ter, im Jahre 1979, bin ich mit demselben Busunternehmen wiederum nach Ostpreussen gefahren. Wir waren im Novotel in Allenstein untergebracht. Der polnische Reiseleiter hatte mir einen deutsch sprechenden Taxifahrer besorgt, der mich nach Canditten brachte. Es war ein sonniger Tag. F\u00fcr mich war es aber ein aufregendes Erlebnis und ich musste allen Mut zusammennehmen, dieses Mal ohne Familie, also ganz alleine auf mich gestellt, mein Elternhaus zu besuchen. Und ich fragte mich immer wieder \u201eWas erwartet mich?\u201c<br>&nbsp;<br>Auf unserem Hof angekommen, wurde ich dort herzlich von der Familie Ku\u0107ko empfangen. Das nahm mir alle Anspannung und alle Bef\u00fcrchtungen und ich war erleichtert. Auf dem benachbarten Hof von Richard Tobies wohnte jetzt eine Familie Kompetzki, die schnellstens geholt wurde. Sie waren Deutsche und somit konnten wir uns bestens unterhalten und verst\u00e4ndigen. Die Familie Kompetzki ist 1980\/1981 als Sp\u00e4taussiedler nach Deutschland gekommen.<br>&nbsp;<br>Als ich auf unserem Hof von meinem Vater Fritz Lehmann erz\u00e4hlte, kam sofort die Antwort von der Familie Ku\u0107ko \u201eDas war ein guter Mann!\u201c<br>&nbsp;<br>Seit dieser Begegnung im Jahre 1979 habe ich die Familie Ku\u0107ko und deren nachfolgenden Generationen noch viele Male besucht. Ich bin ihnen unendlich dankbar, dass sie mich immer wieder einladen und herzlich aufnehmen.<br>\u201eHier, wo ich geboren, darf ich sein.\u201c<br>                      <em>Christel Stoltenberg, geborene Lehmann, Canditten, jetzt Wentorf bei Hamburg, im Februar 2014<\/em>&nbsp;<br><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"602\" src=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-Hof-Fritz-Lehmann-2018-B-1024x602.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1720\" style=\"aspect-ratio:1.7010094919962895;width:398px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-Hof-Fritz-Lehmann-2018-B-1024x602.jpg 1024w, https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-Hof-Fritz-Lehmann-2018-B-300x176.jpg 300w, https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-Hof-Fritz-Lehmann-2018-B-768x452.jpg 768w, https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-Hof-Fritz-Lehmann-2018-B-1536x904.jpg 1536w, https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Canditten-Hof-Fritz-Lehmann-2018-B-2048x1205.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em>Der ehemalige Hof von Fritz Lehmann (jetzt Familie Ku\u0107ko)<\/em><br><em>in Canditten\/Kandyty (Foto G. Birth)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#ef1919\" class=\"has-inline-color\"><strong>Erlebnisbericht aus Klein Steegen<\/strong> <\/mark><em>Von Marie-Anne Gerlach<\/em><\/h1>\n\n\n\n<p>Als ich noch in Klein Steegen wohnte, sind wir Marjellens jeden Freitag nach Canditten ins Kino gegangen. Der Arthur Mai (Diener vom Gut Klein Steegen) gab mir immer sein Fahrrad, um nach Canditten zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Winter ging\u00b4s dann zu Fu\u00df ins Kino. Wenn wir dann kurz vor Canditten auf der Anh\u00f6he der Stra\u00dfe standen und es brannte kein Licht im Kinosaal beim Gastwirt Thiel, dann war meistens der Filmvorf\u00fchrer wegen der hohen Schneewehen nicht durchgekommen. Wir mussten dann ohne Kino wieder zur\u00fcck nach Klein Steegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderes Mal hatte uns ein Bauer auf dem Heimweg im Schlepp (genau: up der Schleup) mitgenommen. Dabei mussten wir uns gegenseitig festhalten. Das war vielleicht ein Hallo und Gejuche und wir hatten unseren Spa\u00df dabei. Ach ja, waren das noch Zeiten!<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-resized\">\n<figure class=\"aligncenter\"><a href=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Klein_Steegen_Schloss_Kaufmann.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"949\" height=\"610\" src=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Klein_Steegen_Schloss_Kaufmann.jpg\" alt=\"Das Gutshaus\/Schloss in Klein Steegen (existiert nicht mehr)\" class=\"wp-image-138\" style=\"aspect-ratio:1.555731285346594;width:484px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Klein_Steegen_Schloss_Kaufmann.jpg 949w, https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Klein_Steegen_Schloss_Kaufmann-300x193.jpg 300w, https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Klein_Steegen_Schloss_Kaufmann-768x494.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 949px) 100vw, 949px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Das Gutshaus\/Schloss in Klein Steegen (existiert nicht mehr, Foto Kaufmann)\n<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><em>Als 1945 unsere Heimat unterging:<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#f41a1a\" class=\"has-inline-color\">Die letzten Tage von Canditten<\/mark><\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Von Kantor Gustav Glass, niedergeschrieben 1952&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Als ich am Morgen des 13. Januar 1945 den Gang zur Schule antrat, vernahm ich das ununterbrochene Grollen des Trommelfeuers von Osten her. Ich begr\u00fc\u00dfte meine Sch\u00fcler mit dem Morgengru\u00df und sagte: &#8222;Kinder, jetzt wird um unser Schicksal gew\u00fcrfelt!&#8220; Aus dem Heeresbericht am Abend h\u00f6rten wir, dass der Russe auf der ganzen Front zur Offensive angetreten sei. Und bereits am 14. 01. durchschwirrten Hiobsbotschaften die Luft. In den folgenden Tagen war es nicht anders und bald hie\u00df es: Labiau brennt! Wehlau und Tapiau werden vom Feinde berannt! Russische Panzer haben Deutsch Eylau in Richtung Elbing durchfahren! Die Spitzen der russischen Panzerkorps haben Domnau erreicht! Der Canditter Volkssturm, alle M\u00e4nner bis 60 Jahre, wurde zur Verteidigung des &#8222;Heilsberger Dreiecks&#8220; beordert. Denen wurde gesagt, vor ihnen st\u00e4nde Infanterie und Artillerie. Erkundungen ergaben aber, dass nichts zur Verteidigung bereitstand. Der verst\u00e4ndige Volkssturmf\u00fchrer schickte seine M\u00e4nner in die Heimatd\u00f6rfer zur\u00fcck. Am Montag, dem 22. 01., wurde die Schule in Canditten geschlossen, an der ich mit Freude 39 Jahre unterrichtet hatte. Die Schulr\u00e4ume wurden zur Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen hergerichtet. Am Abend des 22. 01. begann der Fl\u00fcchtlingsstrom zu rollen, Tag und Nacht von Landsberg kommend bis zum 14. 02. mit Richtung zum Frischen Haff. Es war ein viel gr\u00f6\u00dferes Elends- und Schreckensbild als im Jahre 1914.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Wagen hinter Wagen, die mehr oder minder ein Schutzdach aus Teppichen und Decken oder ein mit Pappe benageltes Holzdach aufgesetzt hatten. Aus diesen guckten Kinder, Alte und Schwache heraus. Die Kinder zuversichtlich, ahnungslos, die anderen m\u00fcde, teilnahmslos, mit fast erloschenen Augen. Die r\u00fcstigen Menschen schritten an den Seiten einher, denn die G\u00e4ule waren schon vielfach bei den \u00fcberladenen Wagen abgetrieben. Dazwischen und daneben Handschlitten und Handwagen, die Ziehenden keuchend von der Anstrengung. Fu\u00dfg\u00e4nger mit Rucks\u00e4cken und Koffern vervollst\u00e4ndigten das Bild des Jammers. Und daneben und dazwischen von der Front sich absetzende Soldaten und Trosse. Einen bei mir in Quartier liegenden Feldwebel fragte ich, ob das nicht regellose Flucht sei. &#8222;Absetzbewegungen kann man es wohl nennen&#8220;, sagte er. Was war nur aus unseren siegreichen Armeen von 1939-1943 geworden!? Die Manneszucht lie\u00df teilweise schon sehr zu w\u00fcnschen \u00fcbrig.<\/p>\n\n\n\n<p>Soldaten kamen und gingen, St\u00e4be r\u00fcckten ein und zogen aus. Und der L\u00e4rm der K\u00e4mpfe r\u00fcckte immer n\u00e4her. Erkundungsflugzeuge brausten immer \u00f6fter \u00fcber die D\u00e4cher des Dorfes. Und dann setzten Anfang Februar K\u00e4lte und Schneest\u00fcrme ein. Alle Stuben, St\u00e4lle und Scheunen waren \u00fcberf\u00fcllt. Und es klang hartherzig, wenn man Neuhinzukommende &#8211; Soldaten wie Fl\u00fcchtlinge &#8211; abweisen musste, weil eben kein Pl\u00e4tzchen mehr frei war.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Durcheinander dauerte so \u00fcber zwei Wochen lang. Die Front r\u00fcckte n\u00e4her an Canditten heran. Von meinem Hof aus konnte ich sehen, wie russische Tiefflieger die Fl\u00fcchtenden auf den Stra\u00dfen im Tiefflug beschossen. Ich habe mich sehr gewundert, dass bei den zusammengeballten Zielen so wenig Treffer waren.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Die feindliche schwere Artillerie schoss schon nach Canditten hinein. Buchholz war vom Feinde besetzt, wurde aber wieder von unseren Truppen zur\u00fcckerobert. Vom Dorf aus konnten wir beobachten, wie ein Geh\u00f6ft um das andere in Flammen aufging. Die Buchholzer kamen angelaufen und erz\u00e4hlten, dass ihnen die Russen Uhren und andere Dinge geraubt hatten. Dabei wurde auch bekannt, dass eine russische Patrouille den Bauer Paul May von Canditten mitgeschleppt hatte. Nat\u00fcrlich war dies das Signal zum schnelleren Aufbruch. Eines Tages &#8211; ich glaube, es war der 12. 02. &#8211; kam der Funker des bei mir liegenden Stabes zu mir und rief: &#8222;Heute Nachmittag wird Canditten bombardiert!&#8220; Ein so lautender Funkspruch war aufgefangen worden. Nach einer kurzen Zeit kamen dann auch die feindlichen Flugzeuge angebraust, schossen auf das Dorf, aber scheinbar nur mit Bordwaffen. Im Luftschutzkeller war ein furchtbares Get\u00f6se zu h\u00f6ren, dazwischen aber auch das Dr\u00f6hnen der Bombenabw\u00fcrfe. Nach etwa 45 Minuten war der Hauptangriff vorbei. Viel Schaden hatte es im Dorf aber nicht gegeben, der \u00fcber dem Ostteil des Dorfes h\u00e4ngende Qualm r\u00fchrte von der brennenden langen Scheune in Amalienhof her, die mit Getreide nach dem guten Erntejahr 1944 vollgepfropft war.&nbsp;<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"267\" src=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/af4baf54fb.jpg\" alt=\"Ein Foto aus friedlichen Tagen in Canditten: Schulklasse 1939\/40 mit Schulleiter Gustav Glass\" class=\"wp-image-139\" srcset=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/af4baf54fb.jpg 400w, https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/af4baf54fb-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ein Foto aus friedlichen Tagen in Canditten: Schulklasse 1939\/40 mit Schulleiter Gustav Glass\n<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Nach zwei Tagen treckten die Wildenhoffer mit 37 Wagen durch Canditten. Nun glaubte jeder, der noch zur\u00fcckgebliebenen Canditter, es sei h\u00f6chste Zeit, die guten Sachen zu vergraben. Und in Gruben wurden Mehl, Roggen, Fleisch in Gl\u00e4sern gesenkt, denn man wollte doch nach der R\u00fcckkehr etwas zum Essen haben. Und noch t\u00f6richter war das Verschicken von Sachen auf die Abbauten. Als ob nicht der siegreiche Feind das Dorf gerade von der Seite und den W\u00e4ldern her angreifen w\u00fcrde!<\/p>\n\n\n\n<p>0h, wie sah unser schmuckes Dorf nach etwa 20-t\u00e4gigem Frontgebiet aus! Die Wohnungen und Geh\u00f6fte waren verschmutzt, M\u00f6bel und Sachen besch\u00e4digt auf dem Hofraum, Z\u00e4une umgefahren, Chausseeb\u00e4ume umgebrochen, Wagen und Kraftwagen in den Stra\u00dfengr\u00e4ben. Auf den Geh\u00f6ften lief das Vieh vor Hunger und Milchfieber br\u00fcllend herum; Pferde und Fohlen sah man auf den kahlen Feldern, die mit einer leichten Schneedecke \u00fcberzogen waren, mit gesenkten K\u00f6pfen herumstehen, dem Hungertode geweiht. Wenn auch der Mensch solch schweres Los ertragen muss, er mag ges\u00fcndigt haben, aber was hat die Kreatur verschuldet? Nichtiges Fragen. Ich mochte in den letzten Tagen vor meiner Flucht schon gar nicht mehr auf die Bauernh\u00f6fe gehen, es waren zu schreckliche und schmerzliche Bilder!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Beschuss des Dorfes steigerte sich vom 12. 02. 1945 an. Sprengst\u00fccke lagen in den G\u00e4rten, auf den Geh\u00f6ften, an den Dorfr\u00e4ndern. Viele Familien hielten noch immer aus, ich nenne nur Schaff, Rausch, Guttzeit, Specht, Steinau, Thiel und May und die meinige. Verst\u00f6rt kamen zu uns die Familien Schmiedemeister Kreuz und Bauunternehmer Neumann aus Landsberg und erz\u00e4hlten, wie es ihnen unter den Russen ergangen war. Dass ein Panzeroffizier nur ein Wort gerufen habe, als er das Haus betrat: &#8222;Raus!&#8220;; dass alle ausgepl\u00fcndert und die M\u00e4dchen und Frauen vergewaltigt wurden. Der Rektor der Stadtschule irre im Walde verwundet umher. Besonders roh w\u00fcrde sich die russische Soldateska bei Trunkenheit benehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen des 14. 02. setzte starker Artilleriebeschuss auf das Dorf ein. Um 07.00 Uhr war Canditten von Soldaten und Fl\u00fcchtlingen leergefegt. Rund um das Dorf hob eine Infanterie-Einheit Sch\u00fctzengr\u00e4ben aus. Am 13. 02. abends war noch ein Oberleutnant mit 4 Panzern im Dorf. Er sagte zum General: &#8222;Ich fahre den Angriff gegen Landsberg, aber ich ben\u00f6tige dringend Brennstoff!&#8220; Der war nicht aufzutreiben, also rollten die schweren Panzer wieder r\u00fcckw\u00e4rts. Und ergreifend waren die Worte vom Kommandeur eines Artillerie-Regiments, dem die Tr\u00e4nen \u00fcber die Backen rollten: &#8222;Heute Nacht verschie\u00dfe ich die letzten Granaten!&#8220; &#8211; Und noch immer wollte man Heimat, Heim und Hof nicht verlassen, doch noch immer denkend: Die Russen sind doch auch Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da kam am Morgen des 15. 02. 1945 der Divisions-General von Hagenau mit seinem Adjutanten und beanspruchte mein Haus als Gefechtsstand. Er war ganz verwundert, als ich ihm erkl\u00e4rte, dass ich bleiben wolle. Da sagte er w\u00f6rtlich: &#8222;Was ich gestern in der Gemeinde Eichen an ver\u00fcbten Greueltaten gesehen habe, get\u00f6tete M\u00e4dchen und Frauen nach der Sch\u00e4ndung, verst\u00fcmmelte M\u00e4nner, erschlagene Kinder, da kann ich nur raten: Gehen Sie schnell auf die Flucht!&#8220; Kurz entschlossen wurde nun unser Abmarsch aus dem sch\u00f6nen Heim um Mitternacht zum 16. 02. angesetzt. Mir war nun klar, dass die vielen Opfer auch aus unserer Gemeinde vergeblich gebracht worden waren. Nun musste ich tun, was so viele Bauern vor mir taten. Am Abend des 15. 02. machte ich die K\u00fche und Ziegen los und warf ihnen noch etwa ein Fuder Heu auf die offene Tenne. Den H\u00fchnern sch\u00fcttete ich mehrere K\u00fcbel Getreide hin. Warum? Sinnlos im Endziel, aber man wollte doch der lieben Kreatur noch einen letzten Liebesdienst erweisen. Besonders schweren Herzens nahm ich von meinem Bienenstand Abschied.<\/p>\n\n\n\n<p>16. Februar 1945, 00.00 Uhr. Der Handwagen mit dem Gep\u00e4ck von Bettelsleuten rollt aus der Stube, \u00fcber die Diele, den Hof auf die Chaussee. &#8222;Nun sind wir bettelarm, wir kommen hierher nicht mehr zur\u00fcck!&#8220;, so sagte meine Frau. Nicht umsonst sagt man von den feinf\u00fchlenden Seelen der Frauen, dass sie Ahnungen von der Zukunft \u00fcberkommen. So lange wir noch auf der Chaussee in der Gemarkung Canditten waren, hatten wir noch eine Bindung zu unserer geliebten Heimat. Als wir aber die Grenze von Canditten-Klein Steegen \u00fcberschritten, sprang eine Saite in unserer Seele, die nie mehr voll t\u00f6nen wird.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"263\" src=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/80e660bd95.jpg\" alt=\"Ansichtskarte von Canditten um 1935\" class=\"wp-image-140\" srcset=\"https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/80e660bd95.jpg 400w, https:\/\/canditten.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/80e660bd95-300x197.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ansichtskarte von Canditten um 1935\n<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Ende der Berichte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dieser Seite werden Berichte von Canditter Landsleuten und Landsleuten aus den umliegenden Ortschaften gebracht. Es sind Begebenheiten aus der Kindheit und Jugendzeit in der Heimat, aber auch aus der Zeit danach. Die Berichte werden in lockerer Folge gezeigt und in gewissen zeitlichen Abst\u00e4nden ausgetauscht. Hier nun einige Textbeitr\u00e4ge: Liebnicken, Kreis Preu\u00dfisch Eylau Von Erich &#8230; <a title=\"Erlebnisberichte\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/canditten.de\/?page_id=136\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Erlebnisberichte\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-136","page","type-page","status-publish"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/canditten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/136","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/canditten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/canditten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/canditten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/canditten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=136"}],"version-history":[{"count":18,"href":"https:\/\/canditten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/136\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1738,"href":"https:\/\/canditten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/136\/revisions\/1738"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/canditten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=136"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}